Wir schreiben den 22. August 2006. Der FC Salzburg kam dank einem 1:0-Hinspielerfolg gegen den FC Valencia mit großen Hoffnungen auf das Erreichen der UEFA Champions League in den Fußballtempel Mestalla an die spanische Mittelmeerküste. Sollte er tatsächlich bereits im ersten Versuch nach dem Einstieg von Red Bull gelingen? Der Einzug in die Gruppenphase der Königsklasse?

Leider nicht. Salzburg unterlag, auch wenn Vratislav Lokvenc beim Stand von 0:2 kurz vor dem Ende das so ersehnte Auswärtstor auf dem Fuß hatte, klar und deutlich mit 0:3 und stieg um in den UEFA Cup, den Vorgänger der Europa League.

Niemand konnte ahnen, dass diesem gescheiterten Versuch sage und schreibe zehn weitere, erfolglose K.O.-Duelle folgen würden. Von unverdient bis unglücklich, von peinlich bis selbstverschuldet war alles dabei, was das Qualifikations-Portfolio zu bieten hat. Manchmal fehlten nur wenige Minuten, ein anderes Mal ein klares Konzept oder schlichtweg etwas Glück, das man in solchen Duellen einfach benötigt.

2006: Aufhauser und Co. verlieren in Valencia mit 0:3 / © GEPA

Drama in Donezk und übermächtige Israelis

Ein Jahr nach Valencia ging es auf der Landkarte in die genau entgegengesetzte Richtung. Die Ukraine war das Ziel, Schachtjor Donezk der Gegner. Ein von Milliardär Rinat Achmetov mit Geld aufgepumpter Bergarbeiterklub, der Salzburgs Traum im Jahr 2007 platzen lassen sollte. Wieder holte man einen 1:0-Heimerfolg und reiste mit vielen Hoffnungen in die Ostukraine, doch das Rückspiel wurde ungleich dramatischer und knapper als im Jahr zuvor. Remo Meyer sorgte bereits nach fünf Spielminuten für den Auswärtstreffer, der noch in der Anfangsphase ausgeglichen wurde. Allerdings hielt die Trapattoni-Elf das Remis bis tief in die zweite Spielhälfte und sah schon wie der sichere Aufsteiger aus. Doch zwei Tore in der Schlussviertelstunde rissen die Salzburger noch aus den Champions-League-Träumen.

Die Qualifikation, dessen letzte Runde seit der Saison 2009/10 Play-Off genannt wird, ging mit zwei Duellen gegen Israelische Teams weiter. Und beide Male hatte Salzburg, trainiert von Huub Stevens, das Nachsehen. 2009 gewann Maccabi Haifa beide Spiele und auch 2010 sah es nach dem Hinspiel und einer 2:3-Heimniederlage gegen Hapoel Tel-Aviv schon nach dem sicheren K.O. aus. Doch im Rückspiel ging man durch ein Eigentor in Führung und drückte bis in die Nachspielzeit auf das erlösende 2:0, musste in der Schlussminute jedoch den Ausgleich hinnehmen.

Auch Trapattoni konnte es nicht richten. Eine Niederlage in Donezk war der Sargnagel 2007 / © GEPA

Peinliche Pleite gegen Halbprofis

Waren die Teams aus Israel zum damaligen Zeitpunkt wohl einfach zu stark, kam es im Jahr 2012 zu einem Duell, welches Salzburg klassisch selbst in den Sand gesetzt hat. Eigentlich braucht es nur einen Namen: Düdelingen! Der luxemburgische Meister wurde bereits in der zweiten von vier Qualifikationsrunden zum Sargnagel für Salzburg und deren Neo-Coach Roger Schmidt. Nach dem 0:1 im Hinspiel blamierte man sich vor lediglich 6.600 Zuschauern in der heimischen Arena, lag zweimal zurück, gewann zwar mit 4:3, doch das war am Ende zu wenig. Das mit Halb-Amateuren bestückte F91 Düdelingen warf den österreichischen Meister sensationell aus dem Bewerb und in der Folge mussten die Salzburger Hohn und Spott über sich ergehen lassen. Vor allem die internationale Presse zerriss sich das Maul über die „Versager von der Salzach“.

Allerdings hatte Düdelingen auch etwas Gutes. Der wenige Wochen zuvor installierte Sportdirektor Ralf Rangnick krempelte das Team um und fortan ging es sportlich nur noch in eine Richtung – nach oben!

So forderte man 2013 Fenerbahce Istanbul zum Duell heraus und ließ den mit zahlreichen Stars bestückten, türkischen Spitzenklub spielerisch ziemlich alt aussehen. Nach einer Fülle von ungenutzten Torchancen ging man im Hinspiel zu Hause 20 Minuten vor dem Ende hochverdient in Führung, musste diese nach einem Elfmeter in der Nachspielzeit jedoch noch aus der Hand geben. Im Rückspiel unterlag Salzburg nach Führung 1:3 und musste wieder einmal die Segel streichen, scheiterte allerdings nicht nur am Gegner, sondern vor allem an der eigenen Chancenauswertung.

Der Gipfel der Peinlichkeit: Düdelingen! / © GEPA

Swedbank-Stadion: Tor zur Hölle

Eine ideale Überleitung zum ersten von zwei Duellen mit Malmö FF. Zu Hause dominierte Salzburg den schwedischen Meister nach Belieben, hatte Chancen für fünf, sechs Tore, schoss jedoch nur zwei und musste in der 90. Minute den bitteren Auswärtstreffer der Schweden hinnehmen. Im Play-Off-Rückspiel verpasste Malmö den Salzburgern eine Abfuhr und schoss die Hütter-Elf, angepeitscht von mehr als 20.000 frenetischen Anhängern, mit 3:0 aus dem Swedbank-Stadion.

Im darauffolgenden Jahr kam es erneut zum Aufeinandertreffen zwischen Malmö und Salzburg. Doch wieder kam der österreichische Meister in Schweden mit 0:3 unter die Räder. Diesmal reichte nicht einmal ein 2:0-Heimerfolg zum Weiterkommen.

Malmö wurde gleich zweimal zur Endstation / © GEPA

Kroatische Periode

2016 hatte man zum ersten Mal die Entscheidungspartie in der heimischen Red Bull Arena. Gegen Dinamo Zagreb hielt man, nach einem 1:1 in Kroatien, bis in die 87. Minute ein 1:0 und vergab Chancen auf eine höhere Führung. Dann kam es, wie es kommen musste. Zagreb glich aus und in der Verlängerung verließen Salzburg die Kräfte. Dinamo ging in Führung und zog schließlich in die Gruppenphase ein.

Im Jahr darauf war wieder gegen eine kroatische Mannschaft Endstation. Rijeka zog gegen die mittlerweile von Marco Rose trainierte Salzburg-Elf mit zwei Remis aufgrund der Auswärtstorregel in das Play-Off ein – ermöglichte damit aber indirekt auch den sensationellen Erfolgslauf in der UEFA Europa League, der erst neun Monate später in einer dramatischen Halbfinal-Partie gegen Olympique Marseille enden sollte.

Knapp war es 2016. Gegen Dinamo fehlten nur drei Minuten / © GEPA

Der Gipfel der Bitterkeit

Im Sommer 2018 schien Salzburg dann endgültig bereit zu sein. Der Großteil der Mannschaft konnte ebenso gehalten werden wie Erfolgscoach Marco Rose und so machte sich die Hoffnung breit, erstmals in der Red Bull Ära in die Champions League einzuziehen. Die Auslosung bescherte Roter Stern Belgrad, das Hinspiel in Serbien fand ohne Zuschauer statt und die zweite Begegnung durfte in der heimischen Arena ausgetragen werden. Der Rest ist Geschichte. Nach einem torlosen Remis in Belgrad führte Salzburg als haushoch überlegene Mannschaft im Rückspiel bereits mit 2:0, gab dann innerhalb von 60 Sekunden die Begegnung aus der Hand und schluckte zwei Gegentreffer. Von diesem Schock konnte sich Salzburg nicht mehr erholen und musste den Serben den Vortritt lassen. Auch wenn man es als Fan irgendwie schon gewohnt war, tat wohl kein Ausscheiden so weh als das im vergangenen Jahr.

Umso mehr fieberte man der heurigen Saison entgegen, an deren Ende auf den Bundesliga-Meister ein Beinahe-Fixplatz in der Gruppenphase warten sollte. Den LASK hielt man in Schach und stellte die Weichen schon früh in Richtung Meistertitel. Musste sich nur noch der Champions League-Sieger auch über die nationale Meisterschaft für die Königsklasse 19/20 qualifizieren.

Doch dies war lange in Gefahr. Denn Ajax Amsterdam begeisterte mit erfrischendem Offensivfußball, ähnlich wie dies auch Salzburg in den letzten Jahren tat, und die Niederlande haben keinen Fixplatz in der Gruppenphase 19/20. Fußball-Europa und nicht wenige Experten trauten Ajax sogar den Titel zu und beim Salzburger Anhang machte sich Unbehagen, Angst und sogar Panik breit. Ein Champions League-Sieg von Ajax würde den Traum erneut wie eine Seifenblase zerplatzen lassen. Dann stünde wieder der schon gewohnte Zirkus aus Umbruch, Trainerwechsel und Quali-Out bevor. So zumindest die Schreckensvorstellung bei den Fans.

Gegen Roter Stern Belgrad wurde eine 2:0-Führung noch verspielt / © GEPA

Lucas und das Tor zur Glückseligkeit

Doch dann kam der 8. Mai 2019. Der Tag, den die Anhänger von Tottenham Hotspur und dem FC Salzburg wohl nie vergessen werden. Die Engländer, über die Liga quasi fix für die nächste Saison qualifiziert, verloren das Halbfinal-Hinspiel zu Hause gegen Ajax und lagen im Rückspiel bereits 0:2 zurück, ehe Lucas Moura zum Helden avancierte. Mit zwei Treffern nach rund einer Stunde nährte er die Hoffnung seines Teams und letztlich auch die der Salzburg-Anhängerschaft, dass Ajax doch noch aus dem Bewerb gekegelt werden kann. Allerdings ließen sich die Spurs lange Zeit und die Minuten gingen ins Land. Es lief bereits die sechste Minute der Nachspielzeit, als Lucas Moura Tottenham mit dem 3:2 ins Champions League Finale und Salzburg in den siebten Himmel schoss.

Der Autor dieser Zeilen war zu diesem Zeitpunkt aufgepumpt mit Adrenalin und ließt dem dritten Lucas-Treffer einen Torjubel folgen, wie er ihn ansonsten nur bei einem Auftritt des FC Salzburg zelebriert. Eine unfassbare Dramatik, die in dieser 96. Minute seinen Höhepunkt fand und sich in purer Freude entlud. Tottenhams Fixierung des vierten Tabellenranges und die damit verbundene fixe Qualifikation für die Gruppenphase war Formsache und wurde am Sonntag während Salzburgs Heimspiel gegen den LASK endgültig.

Ab September 2019 Realität: UEFA Champions League in Salzburg! / © GEPA

Verdient. Verdienter. FC Salzburg.

Und was soll man sagen? Es gibt wohl keinen Verein in Europa, der sich diese Teilnahme mehr verdient als der FC Salzburg. Nicht nur, weil die große Zahl an negativen Versuchen bereits auf der Haben-Seite steht, sondern auch, weil die Mannschaft in den letzten Jahren durchwegs mit genialem Fußball begeisterte und sich über viele erfolgreiche Saisonen in der Europa League diesen großen Traum quasi über die Hintertür ermöglichte. Weil sie Österreich in der für die Vergabe der Fixplätze maßgeblichen Fünfjahreswertung fast im Alleingang in eine Position gehievt hat, um am Hauptbewerb teilnehmen zu dürfen.

Eine unfassbare Leidenszeit von 13 Jahren und elf erfolglosen Versuchen ist nun zu Ende. Der FC Salzburg ist dabei im Konzert der ganz Großen. Und der Autor kann erstmals seit Ewigkeiten seinen Sommerurlaub planen, ohne dabei auf die Europacup-Qualifikationsspiele seines Lieblingsklubs Rücksicht nehmen zu müssen. Das wird ein geiler Sommer – und noch ein geilerer Herbst. Mit der UEFA Champions League. In Salzburg. In der Red Bull Arena. Ist es ein Traum, dann lasst mich bitte weiterschlafen.

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1 Comment

  1. […] Die wichtigste Nachricht am heutigen Nachmittag ist jedoch die fixe Qualifikation Salzburgs für die Gruppenphase der UEFA Champions League. Dank Tottenhams 2:2 gegen Everton am letzten Spieltag der Premier League erreichten die Londoner den vierten Tabellenrang und sind ebenso fix nächste Saison im Hauptbewerb wie der heurige Finalgegner Liverpool. Keiner der Finalisten benötigt den von der UEFA freigehaltenen Titelverteidiger-Startplatz, den die Mozartstädter erben. Somit erspart sich Salzburg nächste Saison die Play Offs und steigt direkt in der Gruppenphase ein. Dies wurde in der Pause des heutigen Matches verkündet, nachdem in London abgepfiffen wurde. Wir haben uns zu diesem Erfolg ein paar Gedanken gemacht. […]


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